DIE WEITE IST
UNSERE SEHNSUCHT
K. H. Hesse, LM Westfalen - Jungenleben, September 1953
Kamerad, die Fahrtenzeit bringt dir die schönsten Stunden und Erlebnisse deines jungen, erlebnisfrohen Lebens. Wie lange träumtest und harrtest du schon diesen Wochen, der Sehnsucht nach dem einfachen Fahrtenleben entgegen?
Fahrt. .. wieviel bedeutet uns Pfadfindern doch dieses einfache Wort! Fahrt... das ist doch der Gedanke an flimmernde Konturen, die die Ferne schluckt, an schattige, rauschende Wälder, an die Unendlichkeit des schäumenden Meeres, an im prangenden Gold und Purpur der heißen Sonne glitzernde Seen, reißende Ströme und munter murmelnde Bäche, an himmelhoch sich türmende leuchtende Firne und in der Ferne versinkende blaue Gipfel, an das altersgraue, bunt zusammengewürfelte Städtchen und burggekrönte Höhen, an Abende unter dem Sternenzelt irgendwo in Nord oder Süd, Ost oder West, wohin dich gerade der Fahrtenwind verschlug . . .
Doch, Kamerad, das alles ist noch nicht die Fahrt - eine Fahrt und nicht ein Sonntagnachmittag-Ausflug, eine Ferienreise oder ein drei- oder vierstelliger Kilometerrekord auf dem Tachometer deines Rades, der Besuch eines mehr oder weniger „berühmten" Fleckens, den „man eben mal gesehen haben .muß". Vier Wochen gewandert, bis Neapel getrampt, Jugendherbergsausweise voll Stempel, am Mittelmeer geaalt, von finnischen. Mücken tätowiert und Zeltnächte unter südlichem Himmel, das ist noch keine Fahrt. Ein Globetrotter (d. h. ein Trottel, der in möglichst kurzer Zeit um den ganzen Globus trotten will!), nach seinem „Behang" vom „bella Napoli" bis zur Bakelitmöve „Gruß aus der Nordsee" und anderen seltenen Exemplaren zu urteilen, besonders erfolgreich, meinte unlängst, die Fahrt sei ein Problem der Geschwindigkeit. Bist du auch der Meinung? Dann bist du wohl Geschäftsreisender und hast dich im BDP verlaufen! Laß sie nur lächeln, wenn sie meinen, mitleidig von ihrer 500er BMW und ihrem Hilfsmotorengeknatter auf dich herabsehen zu müssen, und denke an Wilhelm Busch (er war fürwahr ein großer Prophet!): Halt dein Rößlein ja im Zügel, kommst ja doch nicht allzuweit - hinter jedem neuen Hügel dehnt sich die Unendlichkeit. Nenne niemand dumm und säumig, der das Nächste recht bedenkt - ach, die Welt ist so geräumig, und der Kopf ist so beschränkt!
Diese Radraser und Kilometerfresser sind ein typisches Symptom unserer Zeit, die glaubt, keine Zeit mehr zu haben. Nichts geht ihnen schnell genug und auch wir erschrecken nicht mehr darüber und können darum auch nichts mehr erleben. Es muß uns klar sein, daß unser „Auf-Fahrt-gehen" damit nicht gleichzusetzen ist. Du, der du als Pfadfinder einen, anderen Begriff von der Fahrt hast, du willst wirklich auf Fahrt gehen, und eine Fahrt hat ja keinen materiellen Zweck wie die Reise eines Geschäftsreisenden, wohl aber einen hohen Sinn! Uns Pfadfindern liegt der Fahrtenbegriff in der ganz besonderen Art und Weise des Wanderns, auch des Radwanderns, wie ihn sich die deutsche Jugend in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg entwickelt hat. Meinst du nicht auch, wir Jungen im BDP müßten heute noch den Mut haben zu einem eigenen Fahrtenstil?
Was ist uns nun die Fahrt? Sie ist uns Schauen und Erleben unserer Heimat und der Fremde, ihrer Menschen, Sitten und Gebräuche, Johann Wolfgang von Goethe bereitete sich vier Jahre für seine Italienfahrt vor. Lies einmal seine Aufzeichnungen, dann wirst du auch kleinlaut werden, wenn du dich erinnerst, was von deiner letzten Fahrt noch geblieben ist. Hugo von Hofmannsthal sagte einmal, man könnte zutiefst erschrecken und schwermütig werden bei dem Gedanken, daß man in 24 Stunden von einem Land in das Herz eines anderen geschleudert werden kann. Wer nicht das Schauen, Beobachten und Hören gelernt hat, der erlebt auch nichts, und wenn er kreuz und quer durch Europa fährt. Unsere Sinne sind keine eingebauten Schnappschuß-Aufnahmegeräte, und wer ihnen zuviel zumutet, nimmt am Ende nichts mehr wahr. Darum stürzen sich die Globetrotter mit ihren Leicas auf jede „Sehenswürdigkeit" - doch gesehen haben sie nichts. Deine Fahrt wird erst zum Erlebnis, wenn du Schritt für Schritt über die glühende, staubige Straße ziehst, wenn du dir jeden Kilometer mit dem Rade erobern mußt, wenn du Muße findest, die leuchtende Blume am Rain deines Pfades zu betrachten.
Du mußt einmal einen Ameisenhausen wirklich betrachten, beobachten, stundenlang, du kannst dich gar nicht
mehr trennen, so spannend und immer neu ist das, wofür du im grauen Alltag keine Zeit und Gelegenheit mehr findest. Oder dort der Baumstumpf, was kann man aus seinen Jahresringen nicht alles herauslesen? Oder der Sirius, der mit 27 000 Stundenkilometern auf uns zusaust! Und das tut er schon seit Tausenden von Jahren, ohne daß wir viel Veränderung an ihm merken. Wenn du den langen Weg scheust, weißt du nichts von der Macht der Ebene und Schönheit der stillen Winkel. Wenn du nicht auf die Berge steigst, weißt du nichts von der Herrlichkeit der Höhe, kennst du nicht das Erlebnis eines Sonnenaufgangs über glitzernden Firnen, wenn du nicht Tage und Nächte am Meeresstrand gelegen hast, wirst du nicht die Urgewalt seiner Brandung erfahren. Wenn die Straße, die ewige, unendliche Landstraße mit dem Silberglanz ihrer Pappeln dich in den Bann der Ferne zieht, wenn das Plätschern der Wellen und das ewige Auf und Ab deinen Schritt begleitet, die raunenden Haine lauen Wind über die staubige, schweißtriefende Stirn wedeln: dann beginnt sie, die Fahrt! Hast du schon einmal auf dem Rücken gelegen, als das Milliardenheer der Sterne seine ewigen Bahnen am nächtlichen Firmament zog, hoch oben auf einem alten Burgfried oder auf einem ragenden Berggipfel, vor dem Zelt, neben deinem Freund? Und wußtest weder Zeit noch Raum und träumtest dem neuen Erleben entgegen? Aber in dem Augenblick, in dem der Wind sein Lied singt, in deine Haare faßt und durch dein blaues Fahrtenhemd bis auf die Haut bläst, durch das Dunkel die Flammen aufzucken läßt, die jähe Helle zu den schwarzen Tannen emporwirft: das ist die große Fahrt! Wem diese Sehnsucht, dieses Erleben und Vorwärtsschreiten Stück um Stück fremd ist, der hat die Weite, die Sehnsucht nach dem Neuen, Unentdeckten, die das Element der großen Fahrt ist, nicht erfahren.
Ob du nun deine engere Heimat so durchstreifst oder die Grenzen deines Vaterlandes überschreitest, ist gleich, überall erwartet dich die Weite. Denn nicht Sizilien, der Bosporus, die Normandie oder die rauhen Felsen Schottlands sind die Weite. Sie wartet 100 Kilometer von deinem Zuhause genau so auf dich wie nach 5000 Kilometern. Du mußt ihr nur ausgeliefert sein, der Weite. Dich ganz ihr hingeben. Dann kommen die ungerufenen Abenteuer und Erlebnisse von selbst. Du willst ins Ausland? Wer von uns kennt nicht die Sehnsucht nach dem Erleben des Fremden, des Neuartigen? Bist du reif, fern der Heimat, wo alle auf dich blicken und nach deinem Verhalten urteilen, deine Heimat und das deutsche Pfadfindertum ehrenvoll zu vertreten? Das ist eine Verpflichtung! Kennst du die Sprache des fremden Landes, seine Sitten und Gebräuche, daß du seinen Menschen begegnen kannst? Das gibt ihr nämlich erst den rechten Inhalt und Sinn. Eine Auslandsfahrt ist wie ein Blick durch ein offenes Fenster, auch auf dein Vaterland zurück. Nicht nur das fremde Land lernst du schätzen, sondern durch den Vergleich kommst du auch deiner Heimat näher. Du siehst, daß auch die Menschen jenseits der Grenzen denken wie du, arbeiten, lernen und sprechen wie du, daß auch sie die Freiheit schätzen und in Frieden leben wollen.
Wenn du deine jüngeren Brüder aus deinem Stamm mit auf Auslandsfahrt nimmst, wirst du ihnen, wenn sie älter sind, nichts Lockendes mehr zu bieten haben, es sei denn eine Fahrt im Weltraumschiff! Darum solltest du dir zunächst deine Heimat erleben und die Fahrt über die Grenzen den Älteren überlassen. Was würden die Menschen dort jenseits der Grenzen sagen, könntest du ihnen nicht erschöpfend von deinem Vaterland berichten - aber dein Fotoapparat schoß nach dem Eiffelturm, dem Kegel des Vesuv und der Brandung der Atlantikküste, aber dein Tachometer zeigt drei- bis vierstellige Kilometerziffern, an deinen Schuhen klebt der Staub fremder Pfade und Straßen? Zu Entfernungsrekorden eignen sich auch die Straßen unseres Landes zwischen Flensburg und Konstanz. Suchst du nur attraktive „Sehenswürdigkeiten" für deine Box, schiefe Türme, blaue Grotten und rauschende Palmen, dann verwechselst du das beglückende Schauen der Natur mit einem Kinobesuch. Wenn du nur die Gegend durchrasen kannst, knipst, um deinen Kameraden „Beweise" für die zurückgelegten Kilometer zu bringen, hast du es verlernt, deine Sinne festlich aufzutun, zu staunen und zu erschrecken, dann wird dir auch die große Ferne kein Erleben schenken.
Wenn du aber auf deinen Fahrten kreuz und quer, zu Fuß vor allem, erfahren hast, was es ist um Wolke und Wind, um Meer und Gipfel, um Baum und Quelle, um Menschen und Tiere, dann magst du vor deiner Heimatstadt, vor deinem Dorf mehr erleben als einer, der überall und nirgends war. Läßt du dir diese Gedanken, bevor du auf Fahrt gehst, einmal durch den Kopf gehen, wie du auf Fahrt gehen willst als Pfadfinder oder Radraser oder wandelnder Andenkenkiosk, dann wirst du schon den echten Fahrtenstil finden, der uns im BDP eigen ist.
Du wirst Erlebnissen und Abenteuern in Gottes großer Schöpfung begegnen, und mein Schrieb war nicht umsonst. Denn ich wollte dich, wie Hermann Hesse, „daran erinnern, daß gleich den Liedern der Dichter und gleich den Träumen unserer Nächte auch Ströme, Meere, ziehende Wolken und Stürme Symbole und Träger der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und Erde ihre Flügel ausspannt und deren Ziel die zweifellose Gewißheit vom Bürgerrecht und von der Unsterblichkeit alles Lebenden ist".