Aus BILANZ (schweizer
Wirtschaftsmagazin)
Text: Corinne Amacher
Die Pfadfinder
Die Macht der Weltverbesserer
Viele berühmte Persönlichkeiten haben ihr
Führungstalent als Pfadfinder entdeckt. Lange steckte die global größte
Jugendbewegung in der Krise. Nun versucht sie mit einem neuen Chef den Anschluss
an die Neuzeit zu finden.
Der Mann sieht aus wie der oberste Pfadfinder des
Planeten höchstpersönlich, und er ist es auch. Er lacht mit 51 Jahren noch so
spitzbübisch wie ein Halbwüchsiger, der die Welt erobern will, er schaut offen
durch die Brille, und er hat einen Vollbart. Nur auf kurze Hosen verzichtet er,
ein Gebot seiner Position, und trägt stattdessen Bürokluft – weißes Hemd mit
Pfadfinderkrawatte, Blazer und dunkelgraue Hosen, alles mit unaufdringlicher
Eleganz. Dass er ein Missoni ist, einer aus der berühmten italienischen
Modefamilie, ist bei aller Bodenständigkeit zu erkennen. Eduardo Missoni, seit
April 2004 Generalsekretär des World Scout Bureau in Genf, bringt Gewandtheit an
die Spitze der Pfadfinderbewegung. Der Tropenarzt mit Managementprofessur, der
fließend sechs Sprachen spricht, kann es mit dem Uno-Botschafter und dem
Industrieboss gleichermaßen.
Die Schaltzentrale der Weltpfadfinderbewegung wirkt weniger einladend als ihr
Chef. Seit 1969 liegt sie in Genf, an der Rue du Pré-Jérôme, in einem
unwirtlichen Block. Die Räume haben das Ambiente einer Amtsstube aus vergangenen
Zeiten: muffige Kabäuschen, abgewetzte Pulte und ein Sitzungszimmer, in dem der
Gilb vorherrscht. Außer ein paar Computern und Stapeln von Dokumenten erweckt
nichts den Eindruck, dass von hier aus die mit 28 Millionen Mitgliedern aus fast
allen Ländern der Erde größte Jugendbewegung der Welt gesteuert wird.
Über 300 Millionen Mädchen und Buben haben seit Gründung der Pfadfinderbewegung
das Versprechen abgegeben, jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen. Es sind nicht
nur schmalbrüstige Kinder, denen die Eltern eine rigide Form der
Freizeitgestaltung verordnet haben, sondern auch Menschen, die in ihrem Leben
große Erfolge gefeiert haben. Die deutschen Fernsehstars Harald Schmidt und
Thomas Gottschalk gehören dazu, die Unternehmer Bill Gates und Richard Branson,
die Musiker Paul McCartney und Mariah Carey, das frühere US-Präsidentenpaar
Hillary und Bill Clinton, die Schauspieler Richard Gere und Harrison Ford, der
Filmregisseur Steven Spielberg.
So eindrücklich das Aufgebot an prominenten Pfadfindern auch sein mag – der
Zustand der Organisation ist weniger imposant. Eduardo Missoni wurde dafür
geholt, neuen Schwung in die erlahmte weltweite Pfadfinderbewegung zu bringen.
«Frieden kann nicht warten», sagt der Pazifist, «jeder Pfadfinder verbessert die
Welt.»
Das Potenzial ist nicht ausgeschöpft. Vor allem in den Industrieländern ist die
Zahl der Pfadfinder seit Jahren rückläufig. «Stell dir vor, es ist Pfadi, und
keiner geht hin», schrieb die Zeitschrift «Scout» der Pfadibewegung Schweiz
(PBS) in apokalyptischem Ton auf die Titelseite. Traditionelle Werte wie
Gemeinschaft, Zusammenhalt und Naturverbundenheit wollen nicht mehr so richtig
in die heutige Gesellschaft passen. Jugendliche hantieren heute lieber mit dem
Gameboy, statt Knebelbrot zu rösten.
Der Pfadfinderbund kämpft nicht nur um Mitglieder, sondern auch um
Spendengelder. Im Wettbewerb der sozialen Organisationen um die Gunst der Gönner
war das Fundraising der Pfadfinder in der Vergangenheit viel zu passiv. Elf
Millionen Franken standen der Dachorganisation, bestehend aus dem Genfer
Generalsekretariat und zehn weiteren Büros mit insgesamt 120 Mitarbeitern, im
Geschäftsjahr 2004 zur Verfügung. Das Geld stammt zu rund 65 Prozent aus
Mitgliedergebühren. 25 Prozent kommen von Erträgen der Pfadfinderstiftung World
Scout Foundation, eines Gönnerclubs, dem auch namhafte Schweizer angehören. Den
Rest bringen Verkäufe von Pfadfinderprodukten sowie Lizenzgebühren ein. In allen
Bereichen ist die Tendenz sinkend.
Hinzu gesellte sich Ende der neunziger Jahre eine strukturelle Krise. Es fehlte
an dem, was sich die Firmenchefs als Corporate Governance auf die Fahne
schreiben. Die operative Führung verselbstständigte sich; die zwölf
ehrenamtlichen Mitglieder des World Scout Committee, vergleichbar mit einem
Verwaltungsrat, waren mit Führungs- und Aufsichtsaufgaben überfordert.
Organisation, Technologie, Kommunikation, Finanzen – alle Säulen der
Organisation begannen zu bröckeln. Die Unzufriedenheit war so groß, dass
wichtige Pfadfindernationen wie die USA oder Japan drohten, ihre Zahlungen an
die Zentrale einzustellen. Auch die World Scout Foundation als wichtige
Finanzierungsquelle drängte auf eine Restrukturierung.
Berater begannen, das Generalsekretariat zu durchleuchten. Verschiedene Analysen
wurden erstellt, darunter eine von McKinsey und eine von Klaus J. Jacobs, der
Stiftungsrat der World Scout Foundation ist und als einer der treusten und
größten Sponsoren der Pfadfinderbewegung gilt. Der Befund war niederschmetternd:
Jede Pfadigruppe im Kongo schien professioneller geführt zu sein als die
Zentrale. «Bürokratisch», «wenig teamfähig», «resistent gegenüber Neuem»,
«überaltert», «passiv», «schlechte Sitzungsvorbereitung», «unklare Kompetenzen»:
Solche Umschreibungen musste sich die ehemalige Führung gefallen lassen.
Eduardo Missoni ist mit dem Anspruch angetreten, «eine dynamische, moderne
Organisation zu bilden, die fähig ist, auf den raschen Wandel der globalisierten
Welt zu reagieren. Gleichzeitig soll sie in der Tradition und den Werten der
Pfadfinderei verwurzelt sein.» Worte wie diese wirken wie Balsam. Bei den
Mitgliedern des World Scout Committee, die Missoni vor knapp zwei Jahren gewählt
haben, genießt dieser viel Kredit. Walter Hofstetter (Pfadiname: «Hööggli»),
Leiter Zugführung Personenverkehr der SBB und noch bis Herbst Mitglied des World
Scout Committee, beschreibt den Italiener als «weltoffen, zukunftsorientiert,
energisch, teamfähig, führungsstark, in Idealen denkend».
Kurz nach seinem Amtsantritt liess Missoni die Arbeitsplätze vernetzen, regelte
Kompetenzen neu und schuf projektbezogene Budgets mit Kosten-Nutzen-Analyse. Zu
den wichtigsten Projekten des Generalsekretariats gehört die Organisation des
100-Jahr-Jubiläums der Weltpfadfinderbewegung, das Anfang August 2007 im
englischen Hyland Park mit einem riesigen Zeltlager, Jamboree genannt, gefeiert
wird. Die 50 000 Teilnehmer unterzubringen und zu verköstigen, erfordert einen
logistischen Grosseinsatz, der seit vielen Jahren geplant wird. Unter dem Slogan
«One world, one promise» sollen dann der ganzen Welt die mancherorts in
Vergessenheit geratenen Ideale der Pfadibewegung in Erinnerung gerufen werden.
Sie gehen zurück auf den englischen General Robert Baden-Powell, der im Jahr
1907 an der Südküste Englands mit 26 Knaben das erste Pfadilager durchführte.
Ziel war es, den Burschen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu bieten, durch
die sie ihre ganze Persönlichkeit weiterentwickeln konnten – die Beziehung zu
sich selbst, zum Körper, zu Mitmenschen, zur Welt und zu Gott. Um ihre sozialen
Unterschiede zu verwischen, trugen alle Uniformen. Rasch verbreitete sich die
Idee auf der ganzen Welt.
Als Baden-Powell 1941 in Kenia starb, hinterließ er der Pfadfinderbewegung in
einem Brief ihren bis heute wohl wichtigsten Grundsatz: «Versucht, die Welt ein
bisschen besser zurückzulassen, als ihr sie vorgefunden habt.» Getreu diesem
Motto muss zum 100. Geburtstag jede nationale Pfadfinderbewegung ein
Friedensprojekt präsentieren. Die Ideen reichen vom Konfliktmanagement im Nahen
Osten über die Hilfe für afrikanische Straßenkinder bis zur Bekämpfung von
Rassismus oder Diskriminierung.
Tue Gutes, und rede darüber: Dies hat die Pfadi in den letzten Jahren zu wenig
getan. Die Scouts seien in der Vergangenheit zu bescheiden im Auftritt gewesen,
heißt es etwa im Jahresbericht der Pfadfinderstiftung. Noch immer hält sich das
Bild der militärischen Vorausbildung in den Köpfen oder von jungen Wilden, die
sinnlos im Wald herumrennen. Dies, obschon der Akzent bereits Mitte der
neunziger Jahre auf soziale, medizinische und ökologische Projekte gelegt wurde.
Pfadfindergruppen helfen mit, Wasserversorgungen einzurichten, die Grundbegriffe
der Hygiene zu vermitteln, über Aids zu informieren oder Kindergärten
aufzubauen. Mit dem Programm «Scouts of the World», das zusammen mit der Uno
durchgeführt wird, sollen junge Menschen an die Ideale der Pfadfinderei
herangeführt werden, auch wenn sie nicht Pfadfinder sind.
«Wir sind eine große Bewegung, aber wir haben uns noch zu wenig geöffnet», sagt
Missoni. Das soll sich nun ändern. Kommunikation steht ganz oben auf seiner
Tagesordnung. Die Pfadfinderei soll eine Marke werden. Dazu hat die Zürcher
Designagentur Interbrand Zintzmeyer & Lux eine Markenstrategie entwickelt, die
an der Weltkonferenz – so etwas wie der Generalversammlung – der Pfadfinder,
Anfang September vorgestellt wird. Wird die Strategie angenommen, soll in den
nächsten Jahren eine für die breite Öffentlichkeit sichtbare Marke Scout
entstehen, der das bekannte, aber wenig präsente Logo mit der Lilie zu Grunde
liegt. Während für die Entwicklungsphase private Gönner aufkamen, ist die
Finanzierung der Umsetzung allerdings noch nicht sichergestellt.
Mit dem frischen Image will Missoni nicht nur mehr Mitglieder, sondern auch neue
Sponsoren gewinnen. Statt von Fundraising spricht der Arzt geschäftstüchtig von
«resource mobilization»: Bloss bei einem potenziellen Geldgeber mit der hohlen
Hand vorzusprechen, wäre ihm zu simpel – Missoni will mit ihm ins Geschäft
kommen.
Mit seinen Verwandten des Textilherstellers Missoni lanciert er eine exklusive
Krawatte und ein Foulard unter dem Titel «Missoni for World Scouting». Durch
eine Kollektion, die alle zwei Jahre erneuert wird, könnten auch Sammler
angesprochen werden. Der Prototyp der Krawatte ist im Besitz des schwedischen
Königs Carl Gustav, Ehrenpräsident der Weltpfadfinderstiftung. Das erste Foulard
gehört der Senegalesin Marie-Louise Correa, Präsidentin des World Scout
Committee.
Zusammen mit dem Schmuckhersteller Bulgari will Missoni zudem eine exklusive Uhr
auf den Markt bringen. Anders als die einfachen Pfadfinderticker, die über den
Scoutshop verkauft werden, richtet sich die Bulgari-Uhr an ein verwöhntes
Publikum. Das mehrere tausend Franken teure Stück soll Privatpersonen oder
Unternehmen angeboten werden, die ihre Kundschaft beglücken und gleich noch
einem guten Zweck zudienen möchten. Derzeit ist Missoni auf der Suche nach
weiteren Luxusgüterherstellern, mit denen er ins Geschäft kommen könnte.
Gemeinsam mit der Mailänder Bocconi University Management School, wo Missoni bis
zu seiner Berufung zum Pfadi-Generalsekretär eine Professur innehatte, will er
Managementkurse entwickeln und sie auch an andere Universitäten verkaufen. «Wir
wollen zwei Erfahrungen, die gar nicht so weit auseinander liegen,
zusammenbringen – die der Manager und die der Pfadfinder», sagt Missoni, «wobei
wir dem Management wichtige soziale Werte hinzufügen. Scouting ist eine
ganzheitliche Lebenserfahrung, von der die Wirtschaft profitieren kann.»
Der Mann ist zwar Tropenarzt, hat aber wie der CEO eines globalen Konzerns die
Managersprache verinnerlicht. «Scouting ist auch eine Management-Lernerfahrung»,
sagt er. «Schon Kinder lernen zum Beispiel Leadership, wenn sie für eine Gruppe
verantwortlich sind.» Sozialkompetenz und die Bereitschaft, Verantwortung zu
übernehmen, lernt man schon als Wölfli oder Bienli. Wer besondere Fähigkeiten
als Gruppenführer und im Projektmanagement beweist, wird mit dem «Bénévole»-Zertifikat
ausgezeichnet.
Auch etliche Schweizer Manager – vor allem der älteren Garde – haben ihre ersten
Führungserfahrungen bei den Pfadfindern gemacht. So lobten der ehemalige
Rentenanstalt-Präsident Ulrich Bremi (Pfadiname: «Brums»), Novartis-Lenker Alex
Krauer («Marder») oder der frühere «Winterthur»-Chef Peter Spälti («Sugus») die
Pfadfinderei schon vor ihrer Pensionierung als Lebensschule, in der man als
Jugendlicher lernt, Verantwortung gegenüber jüngeren Kameraden zu tragen.
Zoodirektor Alex Rübel («Chüngel») erinnert sich daran, wie er aus zwei Velos
eine Rikscha gebaut hat. Bundesrat Pascal Couchepin (kein Pfadiname) bekennt im
schweizerischen Pfadfindermagazin «Scout» freimütig, er übe jeweils den
Fischerknoten, wenn er sich an einer Sitzung langweile.
Armin Meyer («Zebra»), CEO der Ciba Spezialitätenchemie, lobt das Erleben in
freier Natur, was heute leider nicht mehr so unbeschwert möglich sei. Er
plädiert dafür, dass sich die Pfadi auf ihre Wurzeln besinne: «Die
Pfadfinderbewegung muss sich an den Ursprung erinnern und wieder Natur erleben
und nicht mit Technik und modernen Hobbys die Jugend zu motivieren versuchen.»
Eduardo Missoni ist Naturbursche und Wirtschaftsmann zugleich. In seinem neun
A4-Seiten umfassenden Curriculum reiht sich Station an Station. Er ist in Rom in
einer bürgerlichen Familie mit christlicher Erziehung aufgewachsen. Auf Wunsch
seiner deutschen Großmutter besuchte Eduardo Missoni die Deutsche Schule in Rom.
Auch 40 Jahre später spricht er die Sprache immer noch fließend und gestikuliert
dazu nach italienischer Art. Mit zehn Jahren wurde er Pfadfinder. Inspiriert von
seinem Gruppenführer, einem Medizinstudenten, verfolgte er das Berufsziel Arzt;
Tropendoktor Albert Schweitzer, der in Lambarene Leprakranke behandelte, wurde
zu seinem Vorbild. Missonis berufliche Laufbahn startete allerdings nicht in
Kamerun, sondern in Nicaragua.
Nach einem Zusatzstudium in Tropenmedizin ging er für drei Jahre im Auftrag des
Kinderhilfswerks Unicef nach Mexiko, wo er seine Frau, eine gebürtige Chilenin,
kennen lernte. Nach Rom zurückgekehrt, nahm er im Außenministerium einen Posten
in der Entwicklungshilfe an und verantwortete dort diverse Gesundheitsprogramme
in Lateinamerika und Afrika.
«Leider musste ich nicht nur gegen die Armut kämpfen, sondern auch gegen die
Bürokratie», konstatierte er nach vielen Jahren und bewarb sich erfolgreich an
der Mailänder Bocconi-Universität als Professor für Healthcare Policy, Economy
und Management. Während er so zwischen Rom und Mailand pendelte, erreichte ihn
irgendwann im Frühling 2003 eine E-Mail von einem Mann, den er nicht kannte. Es
war ein Headhunter von Amrop Hever. Wäre nicht das Wort «Scout» darin
vorgekommen, Missoni hätte die Mail umgehend gelöscht.
In Zürich hatte Martin Heuberger («Vévé»), Partner der Executive-Search-Firma
Amrop Hever, den Auftrag angenommen, einen neuen Generalsekretär des World Scout
Bureau zu suchen. Wie es sich für einen Pfadfinder gehört, machte er die Arbeit
ehrenamtlich und unentgeltlich. Damals wusste er noch nicht, dass es der «mit
Abstand komplexeste Auftrag werden würde, den Amrop Hever als internationalste
Executive-Organisation je durchgeführt hat», wie Heuberger sagt: «In der Regel
suche ich über eine Hand voll Sprach- oder Wirtschaftsräume hinweg, doch bei den
Pfadfindern lief die Suche in 210 Ländern wirklich weltweit. Die Suche gilt in
der Branche als Meisterstück.» Da die Pfadfinder basisdemokratisch organisiert
sind, streckten sämtliche 300 Partner von Amrop Hever in über 55 Ländern und 95
Niederlassungen ihre Fühler aus, so auch der Partner aus dem Mailänder Büro, dem
von der Unicef ein Mann namens Eduardo Missoni empfohlen worden war.
Der Posten war begehrt. 200 Bewerber mit Namen wie aus einem VIP-Register
meldeten bei Heuberger ihr Interesse für die Stelle an. Darunter befanden sich
ein US-Admiral, der kurz vor der Pensionierung stand, ein Rektor einer
amerikanischen Eliteuniversität, ein schwarzafrikanischer General, ein
Ministerpräsident eines europäischen Landes, die Leiterin eines staatlichen
Fernsehsenders, ein Schweizer Botschafter und ein Schweizer Divisionär, der vom
Departementsvorsteher persönlich empfohlen wurde.
109 schriftliche Bewerbungen nahm sich Heuberger in einer Klausur vor und
filterte 19 davon heraus. Nach telefonischen Interviews entschied er sich für
eine Kandidatin und acht Kandidaten, die, von allen fünf Kontintenten kommend,
für ein zweitägiges Auswahlverfahren mit Assessment nach Genf eingeladen wurden.
Drei Kandidaten kamen in die Endrunde, in der im Dezember 2003 Missoni vom World
Scout Committee einstimmig zum neuen Generalsekretär gewählt wurde.
Spätestens dann wurde für den jovialen Italiener aus dem Spiel eine ernste
Sache. Noch hat er einen schweren Stand: Von den großen westlichen
Pfadfindernationen wie den USA, die selber gerne einen eigenen Kandidaten an die
Spitze gesetzt hätten, wird er argwöhnisch beobachtet. An der alle drei Jahre
stattfindenden Weltkonferenz, die im September 2005 im tunesischen Hammamet
durchgeführt wird, muss sich Missoni erstmals der Generalversammlung stellen, an
der die tausend ranghöchsten Scouts von 155 nationalen Pfadfinderorganisationen
zugegen sein werden. Er wird die Rolle der Pfadfinder als Friedensstifter
betonen und die Chance, welche die Pfadfinderei für den armen und zerstrittenen
Kontinent Afrika bedeutet. «Allzeit bereit!»: Wenn der Weltverbesserer nach der
Konferenz wieder in sein karges Genfer Büro zurückkehren wird, beginnt die
Bewährung.
In den Kieler Nachrichten (KN) lesen wir am 29.4.04 folgenden
Artikel über ein Projekt, das Schule machen sollte:
Pfadfinder lernten, an Politik teilzuhaben
Langwedel
– "Misch dich ein" heißt das Motto des bundesweiten Projektes
"P". Sein Ziel: Jugendlichen handfeste Tipps geben, wie politische
Entscheidungen entstehen und wie man auch als Jugendlicher an Politik teilhaben
kann. Am Wochenende lernten 30 Jugendliche im Waldheim bei Langwedel unter dem
Titel "Entdecke die Macht" Grundzüge der Demokratie und den Umgang
mit Vertretern aus Ministerium, Landesverband der Pfadfinder und Medien.
Außer neuem Wissen über Partizipation, wofür das "P" auch steht,
und wie Politik im Kleinen wie im Großen funktioniert, nehmen die 14- bis 21-Jährigen nach erläuternden Spielen rund um das politische System Demokratie und
Diskussionen zu eigenen Sachthemen drei Verträge mit nach Hause, die sie mit
ihren Diskussionspartnern am Sonntagvormittag schlossen: Nils Godendorff vom
Landesjugendring verpflichtete sich, das Ausbildungsmaterial für angehende
Jugendgruppenleiter zu Alkohol, Drogenkonsum und Magersucht zu erweitern. Er wird überprüfen, ob Interesse besteht, Fortbildungsseminare anzubieten.
Karsten Egge, Referatsleiter im Familienministerium sicherte zu, er werde sich
dafür einsetzen, dass auch im Doppelhaushalt 2006/2007 die gleichen Mittel für
die Jugendförderung wie 2005 zur Verfügung gestellt werden.
Reinhard Mucker, Leiter des NDR-Regionalstudios in Kiel, hat ein Angebot von
drei Pfadfinderstämmen für eine Reportage über eine Sippen-Wochenfahrt in der Tasche. Er lädt Pfadfinder aus den Sippen zu einem Studio-Besuch ein.
"Man verliert die Scheu im Umgang mit Entscheidungsträgern", resümiert
Timo Zett, Stammesführer des Stamms "Geisterburg" aus Bargteheide das
Wochenende positiv. Lust, irgendwann das Land zu regieren, habe es jedoch nicht
geweckt.
"Wir werden das Projekt weitermachen", versprach
Hannes
Clausen, Landesvorsitzender vom Bund der
Pfadfinder (BdP). Das als Demokratietraining ausgearbeitete Projekt
"P" wurde vom Deutschen Bundesjugendring, dem Bundesministerium für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von der Bundeszentrale für politische
Bildung finanziert, BdP und Kreisjugendring hatten dazu eingeladen. bk
ZDF-1.2.02
Ein
sinnvoller Tausch:
Pfadfinderkluft statt Playstation
Computer,
Fernseher und virtuelle Spiele sind aus den meisten Kinderzimmern nicht mehr
wegzudenken. Doch nach dem Motto "Raus aus dem Alltag, rein in die Natur" liegen derzeit auch "Outdoor"-Gruppen wie die Pfadfinder beim Nachwuchs voll im Trend.
Offensichtlich tauschen Kinder ihre Nachmittage mit der Playstation gerne mal
gegen ein wenig Spaß in der freien Natur.
Mehr als eine
Viertel Million Pfadfinder gibt es allein in Deutschland. Tendenz steigend: Seit
den neunziger Jahren nehmen die Mitgliederzahlen stetig zu. Organisiert sind sie
in zahlreichen Verbänden - kirchlichen wie nicht kirchlichen. Hinzu kommen
andere Einrichtungen wie die Naturfreundejugend, die Waldjugend oder die der SPD nahen Falken. "Outdoor"-Aktivitäten ohne "Gruppenzwang" bieten auch immer mehr
Reiseanbieter an. Wie zum Beispiel ein fünftägiges Schülercamp mit
Drachenbootbau oder ein Vater-Kind-Wochenende im Wald. Natur-Erlebnis-Freizeiten
für Kinder sind zur Zeit der Renner.
Stichwort: Sinnschwäche
Die heutigen gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen haben ein bedrohliches
Phänomen hervorgebracht, die Sinnschwäche bei Kindern. Damit ist zum einen eine
Bewegungsschwäche, also mangelhafte Muskelkoordination gemeint. Diese entsteht
zum Beispiel dann, wenn Kinder ihre Nachmittage oder auch ganze Wochenenden vor
dem Fernseher verbringen. Zum anderen entwickelt sich die Sensibilität für die
Umwelt, sei es in visueller, taktiler oder akustischer Hinsicht, einfach
schlechter, wenn Kinder keine Reizalternativen geboten bekommen.
Das Natur-
und Gruppenerlebnis stellt für Kinder eine sinnliche Erfahrung dar. Sowohl die
psychische und motorische Entwicklung als auch die soziale Kompetenz werden
gefördert.
Wichtige
Erfahrungen für Kinder
Von
Kinderpsychologen, Medizinern und Jugendforschern werden Outdoor-Gruppen wie die Pfadfinder durchweg positiv bewertet. Und dabei stehen nicht traditionelle
Techniken wie Knoten binden oder Feuer machen im Vordergrund. Besonders wichtig
ist für die Kids das Gruppenerlebnis, mit neuen Freunden gemeinsam Spaß haben
und spielerisch lernen.
Die
Freizeitgestaltung in der Natur fördert die Sinne, das Sozialverhalten, die
Selbstständigkeit und sorgt für Bewegung. Kinder können sich erproben, neue
Talente entdecken und Fähigkeiten entwickeln. Einseitige Hobbys vieler Kinder
und Jugendlichen behindern diese Entwicklungen häufig. Insbesondere für
Einzelkinder stellen Gruppen wie die Pfadfinder eine Chance dar, nicht nur mit
Vater und Mutter zusammenzusein, sondern auch mit Gleichaltrigen etwas zu
erleben.
Kinder und
Jugendliche lassen sich eher von Gleichaltrigen beeinflussen und brauchen den
Austausch innerhalb ihrer Altersgruppe. Manche Eltern haben Bedenken
hinsichtlich der Einheitskleidung. Positive Aspekte sind, dass eine Uniform das Wir-Gefühl stärkt und vom Markenzwang befreit.
Worauf
sollten Sie achten?
Viele
Freizeitaktivitäten werden bei den Pfadfindern von Jugendlichen geleitet. Das kann Vor- aber auch Nachteile haben. Um sicherzugehen, dass die Freizeit kein
Reinfall wird, können und sollen sich Eltern vorab über die Organisation, die
Kosten und die Leitung informieren.
Übrigens:
Der Begriff Pfadfinder ist in Deutschland rechtlich nicht geschützt. So
behaupten auch einige "rechtsradikale Spurenleger" Pfadfinder zu sein. Die Jugendämter und Sektenbeauftragten der Landeskirchen allerorts informieren über
alle Anbieter und kennen auch die unseriösen Organisationen.
Aufruf von Jugend-Bünden und
Einzelpersonen gegen Fremdenfeindlichkeit in Deutschland
[Anzeige in „Die Zeit“ vom
15.1.1993]
Wir, die Mitglieder der
unterzeichnenden Bünde und jugendbewegte Einzelne, sind zutiefst erschüttert
über die Geschehnisse der letzten Zeit in Deutschland. Offener oder versteckter
Ausländerhass, blinder Chauvinismus und rechtsextreme oder nazistische Ansichten
toben sich wieder in plumper Gewalt auf unseren Straßen aus.
Zum Wesen unserer Bünde gehört es, mit
unseren Gruppen auf Fahrt zu gehen. Ob in Italien, Griechenland oder in der
Türkei, ob in Europa oder anderswo, die Erfahrungen mit den Bewohnern dieser
Länder sind in weit überwiegendem Maße positiv. Gastfreundschaft und Interesse
werden uns auch von Menschen entgegengebracht, die Opfer des deutschen
Nationalismus waren. Gerade weil wir auf unseren Fahrten in andere Länder fremde
Kulturen und Sitten akzeptieren lernen, haben wir kein Verständnis für die
Fremdenfeindlichkeit, die sich nun wieder in Deutschland ausbreitet.
Wir versuchen aus der Geschichte zu
lernen. Denn auch die Geschichte der Jugendbewegung ist von Anpassung und
Anbiederung an die nationalsozialistischen Machthaber geprägt. Aber es gab
andere, die gerade aus jugendbewegtem Geiste heraus den Mut fanden, der Diktatur
Widerstand zu leisten. Gerade diesen, viel zu wenigen, Aufrechten und
Aufrichtigen fühlen wir uns heute verpflichtet.
Die unterzeichnenden Bünde und
einzelnen wollen, so wie es in der Meißnerformel von 1913 steht, "Nach eigener
Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben
gestalten". Innere Wahrhaftigkeit und eigene Verantwortung bedeuten aber auch,
nicht schweigend zuzusehen, wenn die grundlegenden Voraussetzungen für
Menschenwürde, Freiheit und Demokratie wieder in Frage gestellt werden.
Wir fordern nicht nur die Politiker,
sondern alle, im besonderen natürlich die Angehörigen der Jugendbewegung, dazu
auf. sich schützend vor unsere ausländischen Mitmenschen zu stellen und nicht zu
den Ereignissen zu schweigen.
Unterzeichnet von fast allen deutschen
Pfadfinderbünden, bündischen Gruppen und vielen Einzelpersönlichkeiten deutscher
Jugendverbände.
zurück zu
Seite 1 |