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Pfadfinderei nur angewandte Erlebnispädagogik?

 

Unlängst diskutierte ich mit einem Pfadfinder-Freund den ideologischen Hintergrund der Pfadfinderei. Es ging um Werte und Haltungen in der heutigen pfadfinderischen Erziehung. Wir kamen auf dieses Thema durch den Versuch, den Begriff Pfadfinder zu definieren; oder genauer gesagt herauszufinden, was uns Pfadfindern gemeinsam ist.

 

Mein Freund versuchte es etwa so: „Pfadfinder sind viel unterwegs in freier Natur, lernen das einfache Leben in der Gruppe im Zeltlager und gehören zu einer großen internationalen Gemeinschaft…“ – „Ok“ sage ich „und warum das alles?“ – „Na ja, sie sollen eben als Kinder und Jugendliche viel Spaß haben und Sachen erleben, die Gleichaltrigen nicht geboten werden.“… 

 

Dieser Dialog entwickelte sich schließlich zu einer mehr oder weniger komplizierten Auflistung von pfadfinderischen Aktivitäten und ihrem Sinn und Zweck für die Persönlichkeitsentwicklung usw. usw. Die Antwort auf die Frage, was denn nun aber die Pfadfinderei oder den Pfadfinder besonders auszeichnet, ihn von Mitgliedern anderer Jugendverbände unterscheidet oder ihn für sein späteres Leben prägt, ist ohne Vorkenntnisse oder Erfahrungen hier kaum in ein paar Sätzen wiederzugeben. Kurz streift mich der Gedanke, die pädagogische Konzeption unseres Bundes zu zitieren. Aber auch hier finden sich nur z.T. idealisierte pädagogische Grundbegriffe und Tatsachen aus der Erlebnispädagogik, die so oder ähnlich auf x-beliebige Jugendverbände anwendbar wären. Können wir also spezifische pfadfinderische Werte und Haltungen nicht in Worte fassen? Finden wir keine einfachen Worte für die Beschreibung eines Pfadfinders, die auch von heutigen Jugendlichen verstanden werden?

 

Baden Powell bringt es in seinem Standartwerk „Pfadfinder“ in der Einleitung auf den Punkt:

„Die pfadfinderische Erziehungsmethode geht davon aus, dass man vor allem die jugendliche Gedankenwelt sorgfältig studiert. Dies ermöglicht dann auch, beim Knaben (heute natürlich auch beim Mädchen – Anm. von mir) den Wunsch zu wecken, sich selbst zu erziehen, statt sich von anderen erziehen zu lassen.“ In den Worten aus der Zeit um 1907 und geprägt von den Zuständen im damaligen England kommt BP zu folgendem Schluss: „Vom Standpunkt der Eltern aus betrachtet, verhilft die Pfadfindertätigkeit den Knaben zu körperlicher Gesundheit, physischer Ertüchtigung, Tatkraft,  Erfindergabe und Handfertigkeit; sie bringt Zucht, Angriffigkeit, Ritterlichkeit und Heimatliebe in die Buben, kurz sie bildet „Charakter“, was wichtiger ist als alles andere, wenn man seinen Weg machen will.“

 

Sehen wir einmal ab von den Begriffen, die für uns heute einen negativen Klang haben, so bleibt doch die Intention, durch praktisches Tun Werte zu vermitteln, die dem späteren Erwachsenen zu Gute kommen sollen. Diese Werte gilt es heute mehr denn je zu benennen, zusammenzufassen und schließlich als pfadfinderische Grundhaltung darzustellen. Der „Charakter“ von dem BP spricht sollte auch für „Außenstehende“ erkennbar sein.

 

Woran sollten wir also einen Pfadfinder heute erkennen? – An seiner Brüder-/Schwesterlichkeit (Treue), seiner Aufgeschlossenheit gegenüber der Natur aber auch allem Neuen, seiner Zuverlässigkeit, seiner Menschenliebe und seinem in jeder Hinsicht verantwortungsbewussten Handeln. Wir können nur versuchen, diese hohen Ziele der Persönlichkeitsbildung mit unseren pfadfinderischen Methoden zu erreichen, oder wie BP es ausdrückt: wir können den Wunsch wecken, sich selbst zu erziehen. Die bloße Tatsache, dass wir bei den Pfadfindern mittun ist keine Garantie für gute Charakterbildung. Sind wir uns aber einig über die pfadfinderischen Werte, bleibt der Streit über die Methoden sie zu erreichen. Mein Freund hatte ja schon einiges genannt; doch ich denke, wir sind gefordert immer wieder zu fragen, wie unsere Aktivitäten zu unseren Werten passen. Dann haben wir die Chance, uns ein ganzes Leben lang selbst zu erziehen… und vielleicht sagt mal eines Tages jemand zu Dir: „Du bist Pfadfinder, das merkt man doch…“.

Euer Gerd

 

Auf der Homepage des BdP-Stammes Bärentöter in Aschaffenburg fand ich folgenden Auszug aus einem Artikel, den ich hier zur Diskussion stellen möchte:

 

Pfadfinden - Hobby oder eine Lebenseinstellung?

                                                                                                                                          

[…]Und doch ist die Pfadfinderei mehr als ein Hobby, hängt sie mit der Gesellschaft enger zusammen, als man meint. Denn die Werte, die die Kinder und Jugendlichen auf den Fahrten vermittelt bekommen und leben, nehmen sie mit in den Alltag. Der soziale Umgang, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, der Respekt vor der Natur. All das legen sie nicht ab wie ihre Hemden, wenn sie nach Hause kommen, sondern bringen es mit in die Schule, in den Beruf. Gerade weil Pfadfinder eine alternative, eine ganz andere und oft intaktere Welt kennen gelernt und gelebt haben, können sie eine gewisse Distanz zur Gesellschaft aufbauen und damit auch Kritikfähigkeit entwickeln, die für jede Demokratie ein lebensnotwendiges Element ist. Natürlich funktioniert das nicht wie bei einer Waschanlage: Vorne uninteressierte Jugendliche rein, hinten kritikfähige Erwachsene raus. Es hängt von der Sippe, vom Sippenführer und vor allem vom Jugendlichen selbst ab, was er aus seiner Pfadfinderzeit mitnimmt Insgesamt jedoch fördert die Pfadfinderei das soziale Engagement, sowohl im Stamm als auch in der Gesellschaft. Und wenn die meisten das Halstuch mit dem 20´sten Geburtstag an den Nagel hängen: In vielen lebt noch mit 40 ein kleiner Pfadfinder, der gelernt hat, dass es wichtig ist, selbst Verantwortung zu übernehmen, seinen Mitmenschen zu respektieren und die Umwelt zu achten. Der weiß: Es muss nicht alles so sein, wie es in unserer Gesellschaft als normal hingenommen wird.  

 

Dazu passen vielleicht auch die folgenden Gedanken von mir:  

 

 

Zum Thema: Image der Pfadfinder

 

 

An unserem Image bei der Jugend arbeiten wir alle mit, und wollen wir wirklich pädagogisch etwas erreichen, sind wir mehr denn je von ihm abhängig.

 

Wenn es stimmt, dass es der bewussten Nachfrage bedarf, um Jugendliche an Werte zu erinnern; die Problematik darin liegt, dass sie kaum lernen, sich für oder gegen etwas einzusetzen oder ihnen Perspektiven fehlen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und zu gestalten, dann frage ich mich, brauchen wir einen „ideologischen Unterbau“ unserer Pfadfinderarbeit, der Identifikation und Motivation mit und für Pfadfinder erleichtert? Und was können wir praktisch tun, um zu verhindern, dass eine – zwar feine – aber kleiner werdende Pfadfinderkultur sich gegenüber einer „allgemeinen“ Jugendkultur immer weiter abgrenzt und schließlich von den Jugendlichen nicht mehr verstanden wird?  - Also weder ein positives noch negatives Image entstehen kann.

 

Ich denke, es reicht nicht, dass wir überzeugt sind, von dem was wir tun, und dass wir uns gegenseitig Denkanstöße geben, unsere Methoden zu verbessern und unsere Kultur zu pflegen. Wenn wir nicht in der Lage sind, uns in der Zielgruppe Jugend (ganz allgemein, alle Schichten und alle Schulstufen) verständlich zu machen, haben wir schon verloren. Es gilt verstanden zu werden, nicht zu missionieren. Es gilt, die Vorteile und Vorzüge der Fähigkeiten, auf die wir – mit Recht – stolz sind, als „cool“, „geil“ oder was auch immer anzupreisen. Letztlich nur um gehört und verstanden zu werden. Bei Pädagogen und Fachleuten rennen wir mit unseren pädagogischen Vorstellungen und Ideen offene Türen ein; bei den „Betroffenen“ stoßen wir auf Unverständnis. Unsere „Pfadfinderideologie“ hat keine klaren Aussagen, keine für die Jugendlichen wiedererkennbaren Bezüge zu ihrer eigenen Lebenswelt, ihrer unmittelbaren Umgebung. Mir scheint es manchmal so, als werben wir für die Pfadfinder unter dem Motto: „Komm erstmal zu uns, dann wirst du schon sehen, wie toll es bei uns ist!“ – Wir werben mit Spannung, Abenteuer, Erlebnissen, Fahrt, Lager und Gemeinschaft, aber können wir im Gespräch mit außenstehenden Jugendlichen deutlich machen, was uns das alles persönlich „gebracht“ hat? Sind wir in der Lage, uns zu täglichen Problemen als „Pfadfinder“ zu äußern und als solcher von der Umgebung dann auch verstanden, vielleicht sogar akzeptiert zu werden?  - Handeln wir schließlich als „Pfadfinder“?

 

Wenn im Bund gefordert wird, wir sollen in uns gehen und überprüfen, ob  wir zu den Werten stehen, die wir proklamieren, hat das doch nur Sinn, wenn wir auch außerhalb unserer eigenen Pfadfinderwelt etwas erreichen wollen. Ist es uns also Ernst damit, die Welt ein bisschen besser zu verlassen, als wir sie vorgefunden haben, müssen wir in dieser Welt auch aktiv werden – auch dann wenn wir gerade kein Halstuch tragen. – letztlich der Beitrag zu einem positiven Image.

 

Finden wir also einen Weg oder ein Mittel unsere Ideen zu transportieren! Finden wir neue (oder auch alte) Assoziationen, die Pfadfinder mit der Lebenswelt der Jugendlichen verbinden! Es kann sein, dass es heute leichter ist, durch Hilfsmittel wie Literatur und Film eine gemeinsame Sprache zu finden. Dann sollten wir untersuchen, wo am ehesten Gemeinsamkeiten herzustellen sind. Sind z.B. die Romane von Antoine de Saint Exupéry (Der kleine Prinz), Rudyard Kipling (Dschungelbuch, Kim etc.)  oder Tolkiens „Herr der Ringe“, Geschichten, die von Kindern und Jugendlichen verstanden werden, weil sie zigfach auf Video, im Kino oder im Fernsehen zu sehen sind? Wenn ja, sollten wir versuchen, diese - oder andere entsprechende Literatur – für mehr als nur die gelegentliche Spielidee zu benutzen.  Wären wir in der Lage, einen verständlichen Bezug zwischen den Werten bestimmter Literatur und unserer Arbeit herzustellen - so wie BiPi es schon vor 90 Jahren mit Kiplings Büchern gemacht hat - , gäbe es vielleicht den von „Werbestrategen“ oft so beschworenen Wiedererkennungseffekt bei unserer Zielgruppe und damit unter Umständen eine Gesprächsbasis und wieder den Beitrag zu einem positiven Image. Nun höre ich natürlich schon die Kritiker, denen das alles viel zu einseitig oder auch „unpfadfinderisch“ ist und die meinen, Pfadfinderei sei zu vielfältig, als dass man ihre Ideen an einigen wenigen Büchern festmachen könne (schon gar nicht diesen), mehr als Spielidee dürften sie nicht sein und natürlich, wo bleibt der Bezug zu BiPi?

 

Es gibt eine  Menge guter Literatur, die heute noch aktuell und gleichzeitig anspruchsvoll genug ist, um sich mit unseren Werten zu decken. Sie würde sich eignen, Geschichten zu erzählen, die das „Pfadfindersein“ und „Pfadfinderhaltungen“  rüberbringen könnten. Vor allem aber schüfe sie einen Hintergrund für das, was wir vermitteln wollen. - Tja, und wo bleibt dann BiPi?  - BiPis Geschichten am Lagerfeuer sind genau das, was ich - übersetzt in die Sprache der heutigen Jugend - vermisse. – Gleichnisse aus einer Welt, wie Pfadfinder sie sehen.

 

Das Erfahren von Perspektiven und Erlernen von Methoden und Möglichkeiten, um ein eigenes selbstbestimmtes Leben zu führen, können wir nur in unserem praktischen Tun vermitteln. Aber was nützen unsere hervorragenden pädagogischen Mittel, wenn wir nicht in der Lage sind, unsere Pfadfinderidee in den Köpfen und der Phantasie (nicht unwesentlich!) der Jugendlichen als etwas Positives zu verankern? Wen wir also nicht unsere Haltungen so beschreiben, dass sie auch für einen Außenstehenden als typisch pfadfinderisch schnell zu begreifen sind. Wir sollten bald eine verständliche Antwort auf die Frage finden, warum sich ein Jugendlicher heute überhaupt auf das „Abenteuer Pfadfinden“ einlassen soll. Freundschaft, Gemeinschaft, Engagement und Internationalität sind Schlüsselbegriffe in dieser Antwort, sie mit typisch pfadfinderischem Inhalt zu füllen ist unser Image.

 

Euer Gerd