Marianne Ilmer Ebnicher
     Texte


Lyrik für Kinder:



Geschichten vom Wasser I

Die Quelle ist eine Tänzerin:
Sie dreht sich und singt,
wispert und klingt
nach Tauwetter, Schnee
Huflattich und Sauerklee.


Geschichten vom Wasser II

Der Bach ist ein Langstreckenläufer:
Er rauscht durch Wald und Wiesen,
will nur eins, ans Meer.
Deswegen beeilt er sich so sehr.


Geschichten vom Wasser III

Der Fluss ist ein Reisender:
Er hat alles im Koffer,
was er in fernen Ländern braucht.


Geschichten vom Wasser IV

Der See ist ein Sammler:
Er fängt das Himmelblau,
das Wolkengrau,
das Grün vom Wald
und bald
auch die Nacht
und greift sacht
für mich und für dich
nach den Sternen.


Geschichten vom Wasser V

Das Meer ist ein Verwandlungskünstler:
Mal trägt es Blau
mal Grau.
Nachts gibt es sich bedeckt
und vornehm in Stoffen,
schwarz mit Silber.



Licht, Schatten / Tag, Nacht


Im Osten hat sich die Nacht
auf samtenen Pfoten davongemacht.
Später steigt das Licht herauf.
Das ist der Lauf,
das rollende Rad des Lebens.


Der Morgen haucht Tau ins Gras.
Der Nebel spielt Haschmich mit den Hasen.


Die Sonne steigt auf die Himmelsleiter,
Stufe um Stufe,
um uns zu winken.


Die Sonne lässt alles wachsen,
dich, die Blume, die Bäume,
spielt mit den Schatten,
erhellt unsere Räume.
Sie macht den Frühling, den Herbst,
kitzelt unsere Nasen
und lässt auf dem Rasen
die Mücken tanzen
und uns zwei.


"Ich weiß nicht", sagt der Tag,
"ob ich jetzt schon gehen mag."
Spricht der Abend:
"Wenn's für mich Zeit ist,
weiß ich genau.
Geh über die Berge
und male sie blau.


Am Abend hängen die Engel
Laternen in den Himmel.
Drum kriegt die Nacht
keine schwarzen Augen.


Lyrik für Erwachsene:



Am Morgen

Das Atemholen der Erde
Eine Rabenschar
die mir in die Träume zieht
Schemen laufen stumm
durch die Nebel

Im Zwielicht der Dämmerung
stehst du
und rufst
und
bringst mir ein Glasherzenglück


Aufgeräumt

Am Tisch Kaffee
die Zeitung von gestern
Buchstabenkrumen
die das Brot mir formt

Während ich esse
fallen die Jahre herein
schreiben sich in ein Gedicht
wie ihr
die ihr mit mir seid


Ein Blick


Mit den Jahren
zählen wir alle
das Glück
die Niederlagen
Schauen in den Ahnenbaum
aus dem ein Blatt fällt
sandgelb

Dann vielleicht
einander näher rücken
Ein Blick vor
Ein Blick zurück


Ende / Anfang

Mit den Schatten flogst du
aus dem Wald mit den Krähen

Kamst vor dem Novembergrau
das die Tinte bleicht im Schreiben

Nahmst A für Anfang und Z für Ziel
Ein schmaler Pfad, wo Hasen laufen
Wir nennen es Überwintern


Fragen an den Februar

Am Fluss den Enten zusehen
Treibeisinseln zählen
Hundertzehn, hundertelf
Die Magie der Zahl hat Grenzen

Ich hauche in die Hände
deute Zeichen in der Luft

Sind es verrostete Schlüssel
Wege, die für immer verloren sind

In wessen Macht steht es
Herztüren zu öffnen
ohne Vorbehalt
zu schließen


Gesten

Bei Cappuccino und Vanilleeis
sperrt sich das Wort
balkenschwer
geht es im Speichel auf Grund

Ich verlege mich auf Gesten
die Brüche kitten
oder dir mit der Axt ins Herz schlagen
Wer weiß


Intermezzo

Und doch
setzt wieder Warmzeit ein
Schmelzwasser spült uns
den Sand aus den Kehlen

Wir knöpfen rasch die Mäntel auf
Unter der Eishaut schwache Klopfzeichen


Vielleicht

Wenn ich könnte
würde ich das Fenster verschieben
die gekrümmte Gasse gerade biegen
damit ich dich einen Blick länger sehe

Deinen Moosmund
deine Sternenhimmelaugen
dein Vielleichtversprechen
ohne auf Gedeih und Verderb


Wiederkehr

Noch einmal
zurück an den Ort
wo die Tage stillstehen
Auch die Stühle und Läufer
dieselben unveränderten Gerüche
Träume in den Vorhängen
Zuversicht im Nussholzschrank

Da ist nichts
das in den Jahren verloren wäre
Kein Wort
das in Hast durch Gänge fällt

Da sind nur wir und die Zeit
die durchs offene Fenster läuft


Wir

Dein Blick legt sich auf mich
Blütenstaub
der von Blumenköpfen fällt
Wasser
von bemoosten Felsen

Bei dir bin ich
muss nicht auf Lichtfang gehen
darf ohne Vorbehalt trinken

Es ist kein Siegerspiel
Wir würfeln nicht
Wir sind uns

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Gestaltung:
Simon Ebnicher